Visionen einer postfossilen Stadt

Bericht von Mathias Wiehle


Am Dienstag, dem 18.01.2011, fand wieder einmal das Braunschweiger Innovationsfoyer des Instituts für Transportation Design im Haus der Wissenschaft in Braunschweig statt. Unter dem Titel „Braunschweig nach dem Erdöl – Zukunftsperspektiven der postfossilen Stadt“ diskutierten Prof. Dr. Uwe Brederlau (Studiendekan Architektur), Prof. Dr. Johannes Fiedler (Prof. für Städtebau), der Dipl.-Ing. Helmut Jäger (Geschäftsführer der Solvis GmbH), Prof. Dr. Michael Mönninger (Prof. für Geschichte der Bau- und Raumkunst) und Prof. Dr. Stephan Rammler (Direktor des Instituts für Transportation Design) auf dem Podium über Zukunftsperspektiven der Stadt Braunschweig. 

 

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Prof. Dr. Stephan Rammler (Leitung Institut für Transportation Design) - Foto: Tim Schuhmann

 

In seinem Eingangsstatement erläuterte Rammler als Gastgeber zunächst die Idee der Veranstaltung: Angesichts drängender Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, wie des  extremen Bevölkerungswachstums, eines damit verbundenen riesigen Ernährungsproblems, einer drohenden Wasserknappheit, die verschärft werde durch den Klimawandel, einer enormen Militarisierungstendenz, einer zunehmenden kulturellen Frontstellung der Weltreligionen sowie der wachsenden Ressourcenkonkurrenz müsse man forschen und wissenschaftliche Visionen entwickeln.  Aber vor allem müsse man „vom Wissen zum Handeln kommen“. Man brauche handhabbare „Arbeitspakete“, so Rammler, und ebenso benötige man eine handhabbare Handlungsebene und das sei beispielsweise die Region Braunschweig. Die Region sei der Ort, an dem Probleme erzeugt würden, und sie sei auch der Ort, an dem wir alle zusammen intelligente Maßnahmen und Strategien entwickeln könnten. „Wir brauchen keine Apokalyptik, sondern positive Vorstellungen einer gelingenden Zukunft.“, stellt Rammler fest.

 

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Prof. Dr. Michael Mönninger (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig / Fachkommission III Kunst- und Medienwissenschaft)
- Foto: Tim Schuhmann

 

Im Anschluss lieferte Prof. Mönninger nach eigener Aussage einige „Aspekte zur Diagnose.“ Um herauszufinden, was man für die Therapie bräuchte, seien „hier ganz andere Kaliber versammelt.“ In seinem Impulsvortrag stellte er dar, warum die Stadt Braunschweig so aussehe wie sie aussehe: Nach 1945 sei die Stadt eine Musterregion des urbanen Neuaufbaus in Deutschland geworden. An den Stadtkern lagerten sich klar begrenzte Wohn-, Gewerbe- und Industriegebiete an, die durch breite Verkehrsbänder an das Zentrum angebunden wurden.  Wohnen wurde nicht in der Innenstadt vorgesehen. Dieses Zeitalter des autogerechten Bauens habe dazu geführt, dass 50% unserer besiedelten Flächen heute Verkehrsflächen seien. Die dezentrale, die aufgelöste und automobile Stadt beruhe vor allem auf ökonomischen und industriepolitischen Entscheidungen, auf die die Architekten sehr wenig Einfluss hatten, so Mönninger.  Die Suburbanisierung diente als Mittel zur Konsumstimulanz: Bauinvestitionen, Autos und Haushaltgeräte ließen sich vor allem in den Vororteigenheimen einer stabilen Mittelschicht „marktwirksam vervielfältigen.“ Industriepolitik, Konsumförderung und Verkehrsausbau prägten die Stadt mehr als sozialpolitische und ästhetische Vorstellungen der Stadtplaner.

 

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Prof. Uwe Brederlau (TU Braunschweig / Institut für Städtebau und Landschaftsplanung) - Foto: Tim Schuhmann

 

Prof. Brederlau teilt Rammlers  Grundannahmen und fasst sie in drei stadtplanerisch relevanten Szenarien zusammen: Urbanisierung, Verknappung endlicher Rohstoffe und Klimawandel. Die Endlichkeit des Öls und die notwendige Verringerung des CO2-Ausstoßes haben ein gemeinsames Moment, so Brederlau, nämlich Energie intelligent und effizient einzusetzen und erneuerbare Energien zu fördern. Städte wie Braunschweig, mit geringer Dichte und weit ins Umland reichender Besiedelung, seien die größten Energieverbraucher. Dichte Städte seien deshalb die Zukunft. Im besten Fall seien diese Städte auch sozial und kulturell vielschichtig, die Menschen arbeiteten und lebten dort. Für Braunschweig sei das ein positives Szenario nach dem Öl. Ein zurück in die Stadt sorge für eine positive Verdichtung, eine Reduzierung der Verkehrsräume für das Auto, die neu und qualitätvoll gestaltet werden können, so Brederlau. Braunschweig sei in der Lage sich zu transformieren und den Stadtraum den zukünftigen Anforderungen anzupassen. Dichte, durchmischte Räume, offen für alle mit hochwertigen Frei- und Grünflächen, welche Landschaft und sogar Landwirtschaft integrieren, seien die Perspektive.

 

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Prof. Dr. Johannes Fiedler (TU Braunschweig / Institut für Städtebau und Landschaftsplanung) - Foto: Tim Schuhmann

 

Prof. Fiedler verstärkt die Aussagen seiner Vorredner: Der Stadtraum sei durch das fossile Zeitalter verwüstet worden. Der Wohlstand und der entsprechende Zuwachs an Mobilität wurden mit einem extremen Verlust an räumlicher Qualität bezahlt. Der Anreiz, hier mit dem Fahrrad, zu Fuß, mit Kindern oder Freunden unterwegs zu sein, sei angesichts dieser Perspektive gering. Bahnen, Fußgängerzonen etc. seien eingebaut in eine automobile Primärstruktur. Dörfer, historische Stadtzentren und Naturreservate seien längst teil dieser allumfassenden automotiven Landschaft geworden. Die zukünftige, dichte Stadt als Gegenmodell brauche eine durchgängige Qualität der Fußläufigkeit, so Fiedler.  Der durchgängige, zivilisierte urbane Raum sei ein Qualitätsgewinn und eine nötige Veränderung entstehe über den Umweg über die Lebenskultur und nicht über den Preis an der Zapfsäule.  „Die Stadt nach dem Erdöl muss vor allem als Qualitätsgewinn gesehen werden.“  Die Vorteile von Nähe müssten optimiert werden, so entstehe die gewünschte Dichte. Es müsse einen Maßstab von Nähe geben, der ökologisch vertretbar sei. In ein hohes Maß an Dichte könne ein hohes Maß an Freiraum integriert werden, so Brederlau. Jäger konstatiert, dass die Energie für die zukünftige Stadt von der Sonne kommen müsse. Die Techniken hierfür seien da, es gebe nur keine kontinuierliche Förderung. Außerdem würden die Vorteile dezentraler, nachhaltiger Energieerzeugung immer noch schlecht vermittelt.

 

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Dipl.-Ing. Helmut Jäger (Solvis GmbH & Co KG) / Dipl.-Des. Bernhard Fehr (Organisation & Zuschauerfragen)
- Foto: Tim Schuhmann

 

In der anschließenden Diskussion stellten die Anwesenden einige positive Beispiele dar: Kopenhagen oder Amsterdam seien positive Beispiele und die Schweiz habe es geschafft, ein öffentliches Verkehrssystem zu schaffen, dass schon heute ein „Nutzen ohne Nachzudenken“ ermögliche. In unserer Region hingegen scheitere die Regio-Bahn und die A2 werde vierspurig ausgebaut. Es herrschte Konsens darüber, dass Braunschweig Chancen habe, sie aber nicht nutze. Mönninger bemerkt in Braunschweig ein Zusammenwirken von privater Lethargie und öffentlichem Desinteresse. Es gebe hier schließlich unglaubliche Nachverdichtungspotentiale. Auch sei in Braunschweig der ÖPNV zerstörerischer als das Auto: „Diese verhinderten Eisenbahner, die diese Riesentrassen quer durch das historische Gewebe geschlagen haben…“
Rammler brach dennoch eine Lanze für den ÖPNV: Es ginge letztlich um gut geplanten, öffentlichen Verkehr mit hoher Vertaktung, der in die Fläche gehe und eine hohe Systemgeschwindigkeit habe. Jäger konstatiert, dass eine Veränderung nur stattfinde, wenn die Angebote da seien. Rammler widerspricht: Es ginge nicht nur um Angebote, sondern um „Zuckerbrot und Peitsche“, also auch um staatliche Restriktionen. Bestimmte Technologien müssen gegenüber anderen bevorzugt werden, deshalb brauche man eine Politik, die die Instrumente beherrsche.

 

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Prof. Dr. Johannes Fiedler, Prof. Uwe Brederlau, Prof. Dr. Michael Mönninger, Prof. Dr. Stephan Rammler, Markus Weißkopf (Moderation / Haus der Wissenschaft Braunschweig), Dipl.-Des. Bernhard Fehr - Foto: Tim Schuhmann

 

Letztendlich herrschte Konsens darüber, dass jeder bei sich beginnen könne. Die Alttagsgewohnheiten der Menschen prägten letztlich die Stadt, so Fiedler.  Rammler stellt fest, dass dazu auch ein Stück Konsumverweigerung gehöre. Konkret könne dieses bedeuten kein Fleisch zu essen, regionale Produkte zu konsumieren, mehr Rad zu fahren, Carsharing-Angebote zu nutzen… und schließlich: „ Hören sie nicht zuviel auf die Experten, sondern werden sie selber Experte.“


Für Rückfragen:

Bernhard Fehr
Institut für Transportation Design
Frankfurter Straße 5
38122 Braunschweig
Telefon: +49 (0)531 391 9070